Archiv für 2009

SPIEGEL Online kanzelt die Studentenproteste vulgär-neoliberal ab

Mittwoch, 18. November 2009

(Mit Dank an Bernhard S.)

Die offensichtlich neoliberale und damit staatstragende Haltung des SPIEGEL macht sich an allen Ecken und Enden bemerkbar. Selbst bei dem Beitrag „Studenten rebellieren gegen Bildungschaos“ über die aktuellen Studentenproteste (siehe Screenshot). Schon im Vorspann heißt es, „für den Bildungsstreik ernten die Studenten verdächtig viel Beifall“ – wieso „verdächtig“, ist da vermutlich  etwas Verbotenes im Gange?

Auch liest man so wunderbar vulgäre Sätze wie:“Daneben gibt es die Abteilung ‚Freibier für alle“ aus der eher altlinks-bildungsfundamentalistischen Richtung: Jeder soll jederzeit überall alles studieren dürfen, so viel, so lange und wo er will… Und die Abteilung ‚Völker hört die Signale‘: Dazu gehört klassischer Politschwulst – gegen ’neoliberale‘ Einflüsse, gegen die Ausrichtung der Bildung nach ‚kapitalistischer Verwertungslogik‘ und ähnlich anstrengende Sprachstanzen.“

Dass die beiden einzig tiefer schürfenden (und damit ernst zu nehmenden) Motivationslagen für die Bildungsproteste derart vulgär-plakativ abgekanzelt werden, illustriert eindrucksvoll die neoliberale Grundhaltung des SPIEGEL.

Der SPIEGEL über Lafontaine: endgültig auf BUNTE-Niveau angekommen

Dienstag, 17. November 2009

Investigative Geschichten, die den korrupten Machtcliquen das Fürchten lehren könnten, gibt es schon lange nicht mehr vom SPIEGEL. Von „Sturmgeschütz der Demokratie“ also weit und breit nichts zu sehen. Aber das macht ja auch nichts, sagt man sich offenbar beim SPIEGEL – es lässt sich ja auch mit Hofberichterstattung und schlüpfrigen Geschichten a la BUNTE Auflage machen. Das scheint Priorität beim SPIEGEL zu haben.

Anders ist es nicht zu erklären, dass sich der SPIEGEL zum Beispiel über die Vergangenheit der Kanzlerin als FDJ-Funktionärin für Agitation und Propaganda und „Kampfreserve der SED“ schlicht ausschweigt (im SPIEGEL 46/2009 darf SPIEGEL-Autor und Ex-SED-Mitglied Alexander Osang sogar die Lüge verbreiten, Angela Merkel sei vor dem Start ihrer Polit-Karriere im Westen eine „unpolitische deutsche Physikerin“ gewesen), während man im aktuellen SPIEGEL (Seiten 32 bis 34) in Boulevardmanier einen Bericht über Lafontaine bringt. Inhalt: Für den Rückzug Oskar Lafontaines vom Fraktionsvorsitz der Linken soll es nicht nur politische Gründe gegeben haben. Vielmehr, so der SPIEGEL, soll eine private Beziehung zwischen Lafontaine und der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hier eine Rolle gespielt haben (siehe Screenshot).

SPIEGEL: investigativer Journalismus sieht anders aus
Für diese Story bezieht sich der SPIEGEL sogar tatsächlich auf die BUNTE. Harte Fakten kann der SPIEGEL hingegen nicht vorbringen. So schreibt man: „Lafontaine und Wagenknecht, so heißt es, seien sich in der Vergangenheit nicht nur inhaltlich nahegekommen. Von einer Affäre ist die Rede, von einer Beziehung mit konkreten Folgen für die Politik“. That’s it. Dünner als dünn, was der SPIEGEL da präsentiert. Dazu die LINKE: „Alles erstunken und erlogen.“

Und selbst wenn Wagenknecht und Lafontaine gevögelt hätten, was das Zeug hält. So what? Ist doch ihre Sache… (mehr …)

FAZ über SPIEGEL Online: „unterwürfiges Sturmgeschütz“

Samstag, 14. November 2009

Wir haben ja schon einiges über den SPIEGEL geschrieben, und viele Leute pflichten uns in unseren Analysen bei. Dass uns aber ausgerechnet die Frankfurter Allgemeine Zeitung beispringt und in dem Artikel „Unterwürfiges Sturmgeschütz“ (siehe Screenshot) ihrer Fassungslosigkeit darüber Ausdruck verleiht, wie das Hamburger Nachrichtenmagazin – so wörtlich – „Hofberichterstattung“ für neoliberal ausgerichtete Spitzenpolitiker betreibt, das hätten wir in der Form nicht so ohne Weiteres erwartet.

Gut, wir haben zuletzt vor allem darüber berichtet, wie der SPIEGEL „Hofberichterstattung“ für Angela Merkel macht, während sich die FAZ in ihrem aktuellen Beitrag auf einen Bericht von SPIEGEL Online über den Afghanistanbesuch von Verteidigungsminister von und zu Guttenberg bezieht. Doch das tut der Sache keinen Abbruch, denn auch über die Artikel des SPIEGEL über den „Golden Boy“, die der Hofberichterstattung über die Kanzlerin in Nichts nachstehen, haben wir mehrfach berichtet (siehe zum Beispiel den SPIEGELblog-Beitrag „Wie der SPIEGEL Wirtschaftsminister von und zu Guttenberg in Werbemanier zum Superhelden à la Batman verklärt“).

FAZ: SPIEGEL Online leitet aus Null-Informationen eine politische Offenbarung ab
„Es ist schon ein starkes Stück, wie SPIEGEL Online über den Afghanistan-Besuch des Verteidigungsministers berichtet“, heißt es zu Beginn des FAZ-Beitrags. „‚Hofberichterstattung‘ ist gar kein Ausdruck… (mehr …)

Tragischer Tod von Robert Enke: Mainstreammedien wie der SPIEGEL blenden das Thema Nebenwirkungen von Antidepressiva erneut aus

Donnerstag, 12. November 2009

Der Tod von Robert Enke ist ein äußerst tragisches Ereignis. Auch ich möchte den Hinterbliebenen mein herzlichstes Beileid ausdrücken. Ich wünsche ihnen viel Kraft, um diese schwierige Zeit durchzustehen und die Zukunft in Frieden zu meistern.

Als Journalist erlaube ich mir, die Frage zu stellen, was Robert Enke, der offenaber unter schweren Depressionen gelitten hat und deswegen lange in Behandlung war, zu dieser „unerklärlichen“ Tat veranlasst haben könnte. Immerhin sprachen sich SPIEGEL Online in einem Beitrag (siehe Screenshot) und zum Beispiel auch Christoph Daum in einem anderen Artikel von SPIEGEL Online dafür aus, das Thema Depression nicht zu tabuisieren. Lässt sich Enkes Tat also „nur“ mit dem beruflichen Druck und den persönlichen Schicksalsschlägen erklären? Oder könnten auch andere Faktoren beteiligt gewesen sein, zum Beispiel Antidepressiva? So soll Robert Enke laut einem heutigen Bericht von www.rp-online.de „spätestens seit seiner Zeit beim FC Barcelona [2000 bis 2004] Antidepressiva genommen haben“.

Viele Menschen scheint eine Frage nach der möglichen (Mit)Schuld von Medikamenten zu irritieren, und auch die Journalistengemeinde scheint wenig bis gar nicht gewillt, in diese Richtung zu denken. Jedenfalls taucht das Thema Antidepressiva nirgends in den Medienberichten über den tragischen Tod von Robert Enke auf (mit Ausnahme dieses rp-online-Berichtes). Und wie mir Stefan Wittke, Leiter der Pressestelle der Polizeidirektion Hannover am Telefon sagte, hätte auch auf der gestrigen Pressekonferenz keiner der anwesenden Journalisten das Thema Antidepressiva angesprochen. Der behandelnde Arzt von Robert Enke, der Kölner Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie Valentin Markser, ist aktuell nicht erreichbar, sodass ein Nachfragen nicht möglich ist – und wahrscheinlich würde er sich dazu auch nicht äußern wollen und auf seine ärztliche Schweigepflicht verweisen.

Dass Antidepressiva Menschen zum Selbstmord veranlassen können, ist hinreichend belegt
Die Thematik kann also derzeit nicht abschließend geklärt werden. Fest steht, dass es heutzutage gängig ist, Menschen, die wegen Depressionen in Behandlung sind, Medikamente zu verabreichen. Von daher sehe ich es als großes Versäumnis an, dass der SPIEGEL und all die anderen Mainstreammedien das Thema Antidepressiva schlicht ausblenden – oder wenn dann doch mal ein Artikel kommt, so wie gestern auf Welt Online, die rosa Brille aufsetzen und unter Berufung auf orthodoxe Mediziner Antidepressiva einseitig zu möglichen Heilsbringern verklären.

Nur auf rp-online.de heißt es immerhin: „Die Wirkung der Medikamente ist rein symptomatisch, heilen können sie den Kranken nicht.“ Doch das ist noch nicht alles. In Wahrheit können Antidepressiva (genau wie die durch das Abesetzen von Antidepressiva verursachten Entzugserscheinungen) nämlich schwere Nebenwirkungen verursachen und die Patienten zum Selbstmord und zu anderen Wahnsinnstaten veranlassen. Einer, der dieses Thema intensiv erforscht hat, ist der renommierte amerikanische Psychiater Peter Breggin (siehe z.B. seinen Beitrag „Violence and Suicide Caused by Antidepressants Report to the FDA“). Und auch auf stern.de lesen wir am 15. Oktober den Beitrag „Antidepressivum fördert Suizidgedanken“. Wieso also schweigt man sich über Antidepressiva im Zusammenhang mit Robert Enke aus?

Dieses Schweigen kennen wir von anderen medial gepushten Ereignissen, etwa vom Amoklauf in Winnenden. Auch hier spekulierten die Journalisten freimütig über alle möglichen Ursachen wie Videospiele und Schusswaffen – das Thema Antidepressiva wurde hingegen auch hier totgeschwiegen (siehe meinen Beitrag für die Wochenzeitung „Wenn der Schalter kippt…“).

Immerhin ist das Thema Antidepressiva von gesellschaftlicher Relevanz und geht weit über den tragischen Tod von Robert Enke hinaus. So soll jeder achte Bundesbürger – also rund 10 Millionen Menschen hierzulande – mindestens einmal im Leben eine Depression durchmachen; und viele schmeißen sich wie Robert Enke vor einen Zug. Welch dramatische Folgen die Einnahme von Antidepressiva haben kann, ist nicht nur durch die Arbeiten von Peter Breggin oder auch durch entsprechende Warnhinweise auf den Beipackzetteln der Medikamente gut dokumentiert; auch persönliche Berichte zeigen eindrucksvoll auf, wie Antidepressiva Patienten durchdrehen lassen können:

# In einem Schreiben an die US-Medikamentenzulassungsbehörde FDA schilchert Stephen Leith, wie er als Lehrer unter dem Einfluss des Antidepressivum Prozac im Medikamentendelirium den Schulleiter erschoss.

# In einem anderen persönlichen Bericht schildert David Carmichael, wie er unter Einfluss von Paxil seinen eigenen 11-jährigen Sohn erschoss.

Eine öffentliche kritische Debatte über Antidepressiva ist überfällig, auch wenn sich irgendwann herausstellen sollte, dass sie tatsächlich nicht (mit)schuld gewesen sind am tragischen Tod von Robert Enke.

Der SPIEGEL: Hofberichterstattung für Angela Merkel, die Zweite

Montag, 02. November 2009

Mitte Mai berichtete SPIEGELblog, wie der Kisch-Preisträger und SPIEGEL-Autor Alexander Osang mit seinem 10-seitigen Beitrag „Die deutsche Queen“ Hofberichterstattung für die Kanzlerin Angela Merkel betrieb. Jetzt hat Dirk Kurbjuweit, Leiter des Ressorts Deutsche Politik im Hauptstadtbüro, mit seinem SPIEGEL-Online-Beitrag „Deutschlands Kanzlerin: Mutti Merkel, die Große“ in gleicher Manier nachgelegt (siehe ersten Screenshot). Der Artikel erschien dem Online-Portal so wichtig, dass er über einen sehr langen Zeitraum einer der Hauptaufmacher blieb.

Merkels Vergangenheit als FDJ-Funktionärin für Agitation und Propaganda blendet der SPIEGEL erneut einfach aus
Das prekäre daran: Auch dieser Beitrag hätte gut in eine CDU-Mitgliederzeitschrift gepasst, für ein Medium, das sich selbst als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bezeichnet, ist ein solcher Artikel jedoch unwürdig. Allein das Foto hätte die PR-Agentur der CDU nicht besser aussuchen können. Und dann diese Plattitüden, die bereits im Vorspann beginnen. Nicht nur die Überschrift „Mutti Merkel“ ist – vor allem auch in Kombination mit dem Bild – geradezu verniedlichend; und auch Sätze wie „Die Kanzlerin ist eine kühle Machtstrategin – und hält gleichzeitig alle bei Laune“ sind geradezu grotesk.

Vielleicht hält die Kanzlerin alle verbrämten Politik-Journalisten beim SPIEGEL bei bester Laune, doch dass Merkel, wie Kurbjuweit behauptet, „alle Gesellschaftsmitglieder bei Laune halten könne“, kann nur einer Realitätswahrnehmungsstörung geschuldet sein. Allein wenn man daran denkt, dass auch unter Merkels Zeit als Kanzlerin Arm und Reich in Deutschland weiter auseinandergedriftet sind, bleibt einem das Lachen über Merkels muttimäßige Fönfrisur im Halse stecken. Davon abgesehen haben CDU plus CSU bei der Bundestagswahl wohlgemerkt gerade einmal etwas mehr als 30 Prozent eingefahren… Fast 70 Prozent der Wähler plus Millionen von Nichtwählern finden Merkel also gar nicht so zum Lachen.

Besonders unjournalistisch ist auch, dass Kurbjuweits Beitrag letztlich praktisch nichts wirklich Kritisches zutage fördert. Während der SPIEGEL zum Beispiel nicht müde wird, der LINKEN ihre DDR-Vergangenheit aufs Brot zu schmieren, verliert man über die DDR-Vergangenheit der Kanzlerin kein Sterbenswörtchen. Dabei war Merkel nicht geringeres als FDJ-Funktionärin für Agitation und Propaganda. Damit gehörte sie zur Kampfreserve der Partei und war alles andere als die nette „Mutti“ von nebenan. Und dass die CDU die DDR wirklich aufgearbeitet hat, kann man nun wirklich nicht sagen. Hat die Partei der guten Christen doch das Vermögen zweier SED-Blockparteien geschluckt, deckt aber ansonsten über ihre Vergangenheit den Mantel des Schweigens – und Kurbjuweit schweigt mit.

Oder wie steht es um die Frage, welche Rolle Angela Merkel in ihrer Zeit als Bundesumweltministerin womöglich in dem Asse-Skandal gespielt hat? Dies wäre doch wirklich mal eine Rechercher wert – mindestens genau so spannend wie umfassenden Recherchen des SPIEGEL über Gregor Gysis DDR-Vergangenheit. Doch auch hierzu sagt Kurbjuweit nichts (siehe dazu auch den SPIEGELblog-Bericht „Der SPIEGEL geriert sich als eine Art Marketingmaschine für Angela Merkel – und sorgt sich um die “Glaubwürdigkeit” der Lügenbaronin“).

Auch hätte sich Kurbjuweit, um nur eines von etlichen weiteren Möglichkeiten zu nennen, doch mal dezidiert der Frage annehmen können, was es über Angela Merkel aussagt, dass sie jemanden wie Wolfgang Schäuble zum Finanzminister ernennt – eine Frage, die vor kurzem der Journalist Rob Savelberg vom niederländischen Telegraaf auf einer Pressekonferenz an die Kanzlerin richtete (siehe zweiten Screenshot; der Journalist Gerhard Wisnewski macht darauf noch mal explizit auf seiner Website aufmerksam):

Savelberg: „Wie kann man einem Mann [wie Schäuble], der sich nicht an den Verbleib von 100.000 Mark erinnern kann, das Amt des Finanzministers anvertrauen?“

Merkel: „Weil diese Person mein Vertrauen hat.“

Savelberg: „Aber kann er denn mit Geld umgehen, wenn er vergisst, dass er 100.000 Mark in bar in seiner Schublade liegen hat?“

(Heiterkeit im Saal)

Merkel: „Ich habe wirklich alles gesagt dazu.“

Savelberg: „unverständlich.“

Merkel: „Ja, ich kann gerne den Satz nochmal wiederholen, aber ich habe aus meiner Sicht alles gesagt.“

Savelberg: „Aber es geht um die Finanzen von 82 Millionen Deutschen …“

Merkel: „Die nächste Frage.“

Neurodermitis-Salbe: SPIEGEL Online geht Pharmabranche abermals auf den Leim

Donnerstag, 29. Oktober 2009

(Mit Dank an Michael)

Der SPIEGEL wird seiner journalistischen Wächterfunktion bei der Pharmabranche einfach nicht gerecht. So hat SPIEGEL Online abermals ein Pharmaprodukt – eine angeblich „wirksame Salbe gegen Neurodermitis und Schuppenflecht“ – völlig haltlos hochgejubelt. Am 21. Oktober schreibt die uns bereits bekannte Autorin Heike Le Ker in dem Beitrag „Verschmähte Neurodermitis-Creme kommt auf den Markt“:

„Seit Jahren weigern sich Medikamentenhersteller, eine wirksame Salbe gegen Neurodermitis und Schuppenflechte zu vermarkten – jetzt hat eine TV-Dokumentation dieses Pharma-Versagen angeprangert. Mit Erfolg: Schon in wenigen Wochen kommt die Creme in deutsche Apotheken.“

Doch Pustekuchen. „Die Geschichte stimmt so nicht“, wie dieselbe Heike Le Ker einige Tage später in der Story „Die merkwürdige Geschichte der Wundersalbe“ schreibt (siehe Screenshot). Im Vorspann dieses Beitrags heißt es nun:

„Hat die Pharmaindustrie wirklich jahrzehntelang den Verkauf einer Salbe verhindert, die Millionen Neurodermitis-Opfern helfen könnte?… War alles nur ein PR-Coup?“

Ein möglicher PR-Coup, den auch SPIEGEL Online mal wieder nicht durchschaut hat. Dass man besonders auf das, was die Pharmabranche hinausposaunt, nicht blind vertrauen sollte, hat man beim SPIEGEL offenbar immer noch nicht begriffen.

Schweinegrippe: SPIEGEL Online macht sich erneut zum Sprachrohr von Big Pharma

Dienstag, 27. Oktober 2009

Der SPIEGEL kann es nicht lassen, sich zum Sprachrohr von Big Pharma zu machen. Zuletzt berichteten wir darüber, wie SPIEGEL Online beim Thema HIV-Impfstoff Big Pharma auf den Leim ging. Und aktuell gibt das Online-Portal in einem seiner Hauptaufmacher eins zu eins die Warnung der EU-Kommission an sein Millionenpublikum weiter: „EU-Kommission warnt vor aggressiver Schweinegrippe“ (siehe Screenshot). Eine absurde Schlagzeile, wenn man bedenkt, dass man derlei Warnungen wahrlich nicht so ohne Weiteres für bare Münze nehmen darf. Denn Pharmaindustrie und Politik sind eng und damit auf sehr heikle Weise verwoben, wie nicht nur die Frontal-21-Dokumentation „Das Pharmakartell“ (siehe rechte Spalte mit den Links) eindrucksvoll gezeigt hat, sondern auch die vor kurzem ausgestrahlte ARTE-Doku zur Schweinegrippe „Profiteure der Angst“.

Durch solche reißerischen Schlagzeilen werden auch die ganz wenigen Berichte im SPIEGEL, die sich kritisch mit dem Thema Schweinegrippeimpfung auseinandersetzen, schlichtweg ad absurdum geführt. So konnte man im SPIEGEL vom 19. Oktober den Beitrag „Immun gegen die Impfung“ lesen, in dem immerhin das brisante Fazit gezogen wird, die Deutschen könnten „Versuchskaninchen in einem gigantischen Pharmaexperiment“ sein. Warum aber begibt man sich dann beim Nachrichtenmagazin immer wieder auf BILD-Niveau* und gießt fleißig Öl in das Schweinegrippe-Panikfeuer, das letztlich nur einer Gruppierung zugute kommt: der Pharma- bzw. Impfindustrie?

Wie sehr sich die SPIEGEL-Journalisten in Sachen Schweinegrippe zum Sprachrohr der Impfindustrie macht, hat SPIEGELblog bereits Ende August skizziert.

* Am 21. Oktober zum Beispiel macht BILD mit der Superpanik-Schlagzeile auf: „Schweinegrippe: Professor befürchtet in Deutschland 35.000 Tote!“

Angeblich wirksamer HIV-Impfstoff: Wie SPIEGEL Online Big Pharma mal wieder auf den Leim ging

Freitag, 16. Oktober 2009

(Mit Dank an Georg)

Typisch auch für den SPIEGEL: Man nimmt einfach eine Pressemitteilung von Forschern und gibt diese ungeprüft an die Leserschaft weiter. So geschehen etwa auf SPIEGEL Online am 24. September bei der Meldung: „Neue Kombi-Impfung kann vor HIV schützen“ (siehe ersten Screenshot). Das klingt fantastisch, und im Vorspann schreibt SPIEGEL-Online-Autorin Heike Le Ker, die im Oktober 2008 bereits den Gebärmutterhalskrebsimpfstoff fälschlicherweise als „hochwirksam“ hochgejubelt hatte (SPIEGELblog berichtete), weiter:

„Durchbruch bei der Suche nach effektiver Immunisierung gegen HIV? Thailändische Forscher haben beim bisher größten Impfstofftest immerhin eine geringe Schutzfunktion festgestellt. Ihre Strategie: Sie kombinierten zwei alte, wenig wirksame Arzneien.“

Klingt alles super, doch jetzt stellt sich heraus, wie etwa die Süddeutsche und auch das Wall Street Journal berichten, dass die Studienergebnisse, auf die sich Heike Le Ker für ihre Jubelstory berief, eine PR-Luftblase oder gar Mogelpackung waren. So „haben Wissenschaftler, die nicht an der Studie beteiligt waren, inzwischen Einblick in die Daten bekommen“, so die Süddeutsche. „Sie kritisieren nun, der Impfschutz liege allenfalls bei 26 Prozent, wenn man die Daten statistisch korrekt auswerte. Damit läge das Ergebnis unterhalb der in Medizinstudien üblichen Signifikanzschwelle. Dass sich die geimpften Versuchsteilnehmer weniger häufig infiziert hatten, könnte mithin reiner Zufall sein.“

Kurzum: Was SPIEGEL Online mit siner Headline am 24. September suggierte, nämlich dass „eine neue Kombi-Impfung vor HIV schützen kann“, ist selbst aus Sicht der etablierten Medizin wissenschaftlich nicht haltbar.

Pikant ist dabei vor allem auch, dass die Studiendaten, die Heike Le Ker zu ihrer Jubelstory veranlasste, auf einer Pressekonferenz verkündet wurden, ohne dass andere Forscher die Daten vorab begutachten konnten – und dennoch hat Heike Le Ker ihre Jubelstory ungeprüft an ein Millionenpublikum weitergereicht. Dass in der etablierten Forschung massiv manipuliert und geschummelt wird, scheint der Autorin immer noch nicht bewusst zu sein (siehe dazu meinen Artikel „Warum Journalisten auch den angesehenen Wissenschaftszeitschriften nicht blindlings vertrauen sollten“ für die Medienfachzeitschrift message).

Und nicht einmal konnte sich SPIEGEL Online bis dato dazu durchringen, so wie die Süddeutsche oder das Wall Street Journal, über die Kritik an den Veröffentlichungen Ende September zu berichten. Nach dem Motto: Jubeln tun wir gerne für Big Pharma, doch Kritik verschweigen wir.

Luc Montagnier: „Aus Profitgründen fokussiert man sich auf Medikamente und Impfstoffe – dabei sollte man sich lieber um den Aufbau der Immunsysteme kümmern“
PS: Selbst Luc Montagnier, der vergangenes Jahr für seine angebliche Entdeckung von HIV den Nobelpreis erhielt, kritisiert aktuell in einem Interview mit Brent Leung, Macher der mehrfach preisgekrönten Dokumentation „House of Numbers: The HIV/AIDS Story is Being Rewritten“, dass sich Big Pharma und die Politik aus Profitgründen viel zu sehr auf die Suche nach Medikamenten und Impfstoffen fokussiert (siehe zweiten Screenshot). Stattdessen, so Montagnier, solle man sich lieber um den Aufbau des Immunsystems der Betroffenen kümmern – doch dies werde total beseite geschoben. Der SPIEGEL bildet hier keine Ausnahme.

Die Doku „House of Numbers“ wird am 5. November in Hamburg beim Radar Filmfestival zu sehen sein.

Sarrazins Äußerungen über Migranten: SPIEGEL-Seher kennen mehr – Vorurteile

Mittwoch, 14. Oktober 2009

(Mit Dank an Brigitta)

Man dachte, Thilo Sarrazins Äußerungen über Migranten in Deutschland wären an Dreistigkeit und völkischem Chauvinismus nicht zu überbieten (von echten Nazis einmal abgesehen). Der frühere Berliner SPD-Finanzsenator hatte in einem Interview mit der Zeitschrift Lettre International Türken und Araber kritisiert und unter anderem erklärt: „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ Die Lösung des Problems könne nur heißen: kein Zuzug.

Der SPIEGEL blendet mal wieder Systemkritik aus – und bedient stattdessen auf billige Weise Vorurteile
Doch dann kam SPIEGEL TV mit einem langen Bericht (siehe Screenshots) und sprang damit dem Hobby-Rassisten Sarrazin letztlich beiseite. Dem geneigten RTL-Publikum wurde ein Beitrag gezeigt, der kein Vorurteil über Ausländer unbeachtet ließ.

Sicher, Integration kann letztlich nur funktionieren, wenn sich beide Seite bewegen: Der Staat, indem er die Rahmenbedingungen schafft, und die Migranten, indem sie sich zumindest bis zu einem gewissen Grad auf die Kultur des betreffenden Landes einlassen wollen. Versäumnisse liegen auf BEIDEN Seiten vor, ohne Frage. Das Problem des SPIEGEL-TV-Beitrags liegt nun darin, dass er die krassen Versäumnisse der Integrationspolitik in Deutschland während der vergangenen 50 Jahre komplett ausblendet; statt dessen fokussiert man sich ausschließlich auf die Menschen mit einem türkischen bzw. arabischen Hintergrund – und das auf eine Weise, bei der jedes noch so billige Vorurteil bedient wird.

Hier zeigt sich wieder einmal, dass es den SPIEGEL-Redakteuren nicht um sachliche journalistische Aufklärung geht, sondern darum, in BILD-Manier Krawall zu schlagen und damit Einschaltquote (oder Auflage) zu machen. Dabei wird wie so oft auch hier tunlichst vermieden, Kritik am System zu üben. Der SPIEGEL kommt also mal wieder staatstragend daher. Staatstragender Journalismus ist aber kein Journalismus, sondern PR im Sinne der Regierenden.

Der Blog bleib-passiv.de hat zu dem SPIEGEL-TV-Beitrag ein gepfeffertes und damit sehr lesenswertes Stück verfasst:

Berlins ehemaliger Finanzsenator (SPD) und jetziges Bundesbank-Vorstandsmitglied, Thilo Sarrazin, hat schon häufiger mit kruden Aussagen für Aufregung gesorgt. Doch diesmal brach ein völkischer Zorn aus ihm heraus, der eher den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllt, als dass er zur Volksbelustigung zu gebrauchen wäre. In einem Gespräch mit der Zeitschrift Lettre International„gab er u.a folgendes zum Besten: „Jeder, der bei uns etwas kann und anstrebt, ist willkommen; der Rest soll woanders hingehen.“ Für ihn sind vor allem große Teile der arabischen und türkischen Einwanderer weder „integrationswillig“ noch „integrationsfähig“. „Ich muss niemanden anerkennen, der vom Staat lebt, diesen Staat ablehnt, für die Ausbildung seiner Kinder nicht vernünftig sorgt und ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert.“ All das mündete in seiner Forderung, die die NPD kaum besser formulieren könnte: „Generell kein Zuzug mehr außer für Hochqualifizierte und perspektivisch keine Transferleistungen für Einwanderer.“

Spiegel TV oder besser: Junge Freiheit TV
Der Beitrag, der sich offiziell mit der Frage beschäftigte, ob Sarrazins Aussagen eine „unschöne Wahrheit oder unerträglicher Rassismus“ seien, wird schon voller Hohn eingeleitet: „Die Liste seiner Vorwürfe war politisch dermaßen unkorrekt, dass es den Gutmenschen in unserem Land ganz schlecht wurde!“ Schon mit dieser Aussage positioniert sich Spiegel TV eindeutig, denn der Begriff „Gutmenschen“ wird überwiegend im extrem rechten Lager benutzt und vor allem dann, wenn es darum geht, Menschen mit Courage, die sich gegen Rassismus engagieren, zu diskreditieren. Sucht man in einer populären Suchmaschine nach eben jenem Begriff, erscheint nicht zufällig als erster Fund (nach Wikipedia) die Plattform „Politically Incorrect“ der Neuen Rechten. Mit „Deutschlandpolitik“ und „Geisteswelt“ befinden sich noch 2 weitere Seiten unter den ersten 10 Suchergebnissen, die getrost in die Ecke zwischen Konservativen und Neonazis eingeordnet werden können.

In dieser Form eingeleitet wundert es nicht, dass der Beitrag systematisch alle Klischees abarbeitet, die über Migranten, türkischer oder arabischer Herkunft, im Umlauf sind.

1. Fundamentalistische Muslime tragen Kopftücher
Gezeigt wird eine Hochzeit, bei der die Frau verhüllt ist. Für Spiegel TV steht sie „ganz in der Tradition fundamentalistischer Muslime“. Dass tatsächlich nur die Tradition ein Beweggrund sein könnte, ohne dass eine Nähe zu muslimischen Fundamentalisten konstruiert werden muss, die allgemein mit Attentätern assoziiert werden, scheint außerhalb der Vorstellungskraft der Beitragsautoren zu liegen.

2. Bei Muslimen gibt es keine Gleichberechtigung
Zitat Spiegel TV: „Beim Thema Gleichberechtigung ist der Ehemann Lichtjahre von der deutschen Kultur entfernt.“ Darauf das Zitat des Mannes: „Sie darf ihren Senf dazu abgeben und ich auch.“ Soweit scheint er aber einer Gesellschaft, die sowohl Ehegattensplitting als auch Eva Hermann hervorgebracht hat, noch voraus zu sein. (mehr …)

Der SPIEGEL übersieht: Nicht nur der Friedensnobelpreis für Obama ist absurd

Samstag, 10. Oktober 2009

Die Verleihung des Friedensnobelpreises an den US-Präsidenten Barack Obama erntet von den Medien Hohn und Spott, was auch von SPIEGEL Online zur Top-Schlagzeile gemacht wird (siehe Screenshot). Dabei übersieht das Nachrichtenportal (genau wie die meisten anderen Mainstreammedien) jedoch, dass auch andere Nobelpreisverleihungen ihre absurden Aspekte aufweisen.

SPIEGEL Online trägt PR-Botschaften der Pharmabranche mal wieder kritiklos an die Leser weiter
Dies trifft vor allem auf den Medizinnobelpreis zu, mit dem dieses Jahr die drei US-Wissenschaftler Elizabeth Blackburn, Carol W. Greider und Jack W. Szostak geehrt werden. „Sie fanden das Enzym Telomerase, das beim Entstehen von Krebs eine Schlüsselrolle spielt“, so SPIEGEL Online. Klingt super, doch ist diese Aussage schlicht haltlos.

Zwar sind Krebszellen in der Tat daran interessiert, sich unbegrenzt teilen zu können – und das geht nur mit stabilen Telomeren, die mit Hilfe von Telomerase ständig wieder aufgefüllt werden. Doch die Idee, die Telomerase mit Medikamenten einfach zu blockieren und dadurch den Krebsprozess stoppen zu können, klingt zwar schön, ist aber reines Wunschdenken. Dazu der renommierte Genomforscher George Gabor L. Miklos:

„It might work for diploid cells when there is a human disease that is inherited and simple…. but it is unlikely to ever work in a genomically heterogeneous population of cancer cells. Knocking out or treating just one component in a network of 20,000 genes (and many more gene products), is always going to be a problem in a population of cells that are aneuploid, highly variable and even within a single tumour, are surviving in different levels of oxygen and nutrients, depending on the tumour site.“

Medizinnobelpreis 2009: „It’s more American hype to feed the voracious cancer beast“
Um so unverständlicher ist es also, dass SPIEGEL Online mal wieder einfach die PR-Botschaften der Pharmabranche kritiklos an seine Leser weiterträgt. So schreibt SPIEGEL Online: „Forscher und Pharmaindustrie hoffen, mit neuen Wirkstoffen die Telomerase-Aktivität in Tumorzellen zu vermindern. Dann wäre der schützende Mechanismus außer Kraft gesetzt, die Krebszelle würde genau wie eine normale Körperzelle altern und nach einer bestimmten Anzahl an Zellteilungen sterben. Dieses Ziel verfolgt beispielsweise die kalifornische Firma Geron. Sie hat einen Telomerase-Inhibitor entwickelt, der derzeit in einer Reihe von klinischen Studien untersucht wird.“

Mainstreammedien wie der SPIEGEL täten also besser daran, nicht permanent haltlose Spekulationen von Pharmafirmen ungeprüft an ihre Leser weiterzutragen.

Miklos: „Telomerase was described nearly 25 years ago… and the Geron Corporation has been working on it for quite a while as have various Big Pharma… but no drugs. So what can I say… it’s more American hype to feed the voracious cancer beast. By the way, at least 20% of tumours don’t have the telomerase turned back on… so it’s not a general phenomenon.“

Medizinnobelpreise zur Zementierung von Dogmen – und Medien wie der SPIEGEL schnallen es nicht
Und Miklos fügt zu Recht hinzu: „Congratulations to the scientists. I think the Nobel Committee is starting to find it hard to award prizes for truly innovative research.“

So konnte das Nobelpreiskomitee den Medizinnobelpreis 2008 für Luc Montagnier und Harald zur Hausen, der auch von SPIEGEL mit keinerlei Kritik bedacht wurde, wissenschaftlich nicht begründen (siehe dazu den Kommentar von Dr. med. Claus Köhnlein und mir sowie die Analysen der Biophysikerin Eleni Papadopulos und des Mediziners Val Turner aus Australien). Dies erhärtet den Verdacht, wie Dr. Köhnlein und ich auch in unserem Kommentar darlegen, dass mit der Vergabe von so manchem Medizinnobelpreis aus unbelegten Hypothesen Dogmen gezimmert werden sollen – so wie schon früher etwa bei Carleton Gajdusek und Stanley Prusiner geschehen.