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SPIEGEL Online greift im “Fall Mollath” die Süddeutsche Zeitung an – liegt faktisch aber daneben

Posted By T. Engelbrecht On 14. Dezember 2012 @ 01:27 In Allgemein | 15 Comments

(Mit Dank an Peter A.)

“[Die] Bücher von [SPIEGEL-Online-Autorin] Beate Lakotta werden von Random House herausgegeben, einem Verlag, der zu Bertelsmann gehört, einem Medienimperium, das Liz Mohn gehört, die eine Freundin von Angela Merkel ist, die mit der CSU koaliert, einer Partei, die hier im Verdacht steht, Schwarzgeldgeschäfte zu decken, zur Not auch indem Whistleblower in die Psychatrie gesperrt werden…”
Kommentar 381 von “atzlan” zum SPON-Artikel von Beate Lakotta “Fall Gustl Mollath: Warum der Justizskandal doch keiner ist” [1]

(Anmerkung zu diesem Kommentar: Auch der SPIEGEL gehört letztlich zu Bertelsmann [2])

“Für zwei ehemalige Steuerfahnder haben die Behörden in Bayern [im Zsh. mit der Anzeige von Gustl Mollath gegen seine damalige Ehefrau und weitere Mitarbeiter der Hypovereinsbank] auf ganzer Linie versagt.”
Report Mainz“Der Fall Mollath und das Schwarzgeld” [3], 21. Mai 2013

[4]

Die Journalistin Beate Lakotta behauptet auf SPIEGEL Online, der Justizskandal um Gustl Mollath sei in Wahrheit gar keiner – doch Ihre Argumentierte verfangen nicht; Foto: SWR/Report Mainz

Wenn es um Anklagen gegen Personen geht, so lässt man beim SPIEGEL schon mal gerne das eherne Prinzip in dubio pro reo – im Zweifel für den Angeklagten – außer Acht. So z.B. aktuell geschehen beim nicht rechtsstaatlichen Verfahren gegen die angeblichen Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001. In dem Beitrag “Guantanamo-Anhörung: Richter erlaubt Zensur im 9/11-Verfahren” [5] werden diese von den USA brutalst gefolterten Angeklagten nicht etwa – wie es allenfalls korrekt wäre – als Verdächtige bezeichnet, sondern haltlos als “Verschwörer vom 11. September” sowie “Drahtzieher von den Anschlägen vom 11. September” vorverurteilt (SPIEGELblog berichtete schon mehrfach über diese Art der üblen Nachrede beim SPIEGEL [6], die mit Journalismus wohlgemerkt nix zu tun hat).

Vergleichbar unsauber verhält sich der SPIEGEL nun im so genannten “Fall Mollath”.

So berichten seit dem 13. November Report Mainz und die Süddeutsche Zeitung über schwere Ungereimtheiten im Falle eines in die Psychiatrie eingewiesenen Mannes, Gustl Mollath. In diesem Zsh. versucht nun Beate Lakotta auf SPIEGEL Online mit ihrem Artikel “Warum der Justizskandal doch keiner ist” [4] darzulegen, dass die von der SZ beschriebenen Ungereimtheiten [7] gar keine seien. Tatsächlich hat Frau Lakotta aber nur ein winziges Zipfelchen an zusätzlicher Neuigkeit zu bieten, nämlich ein bislang nicht zitiertes ärztliches Attest. SPON will daraus jetzt offenbar maximales Kapital schlagen. Dazu wird unter Ausblendung der insgesamt erdrückenden Faktenlage im Grunde suggeriert, die SZ könnte dadurch einem gemeingefährlichen Straftäter den Weg zurück in die Freiheit ebnen.

Doch dieser Schluss ist schlicht haltlos.

Kurz zum Hintergrund: Gustl Mollath hatte sich seit 2001 beim Arbeitgeber seiner Frau Petra Mollath, der HypoVereinsbank in München (heute aufgegangen in der italienischen Unicredit), über ihre Schwarzgeldgeschäfte beschwert. Nachdem das fruchtlos blieb, sendete er an eine Fülle von Behörden und auch an Prominente Briefe mit angeblichen oder offenkundigen Belegen für diese Geschäfte.

Zwischen 2002 und 2005 kam es dann möglicherweise auch zu gewalttätigen Übergriffen von Mollath gegen seine damalige Frau, von der er mittlerweile geschieden ist. Und die Justiz vermutete auch, dass Herr Mollath die Reifen der Autos von Nachbarn zerstochen hat. Aufgrund schwerer psychischer Probleme war er stationär im Behandlung. Es waren aber wohlgemerkt nicht die möglichen Gewalttaten, sondern die von ihm angenommenen Schwarzgeldgeschäfte, die ihn 2006 in die geschlossene Psychiatrie brachten. In diesem Zsh. attestierten ihm psychiatrische Gutachten “paranoide Wahnvorstellungen”.

Report Mainz und die Süddeutsche Zeitung gerieten dann vor kurzem in den Besitz von internen Dokumenten der HypoVereinsbank, denen zufolge die Schwarzgeldgeschäfte kein Wahn waren, sondern höchst reell. Und jetzt interessieren sich auch das Finanzamt und die Staatsanwaltschaft dafür. Nur für Herrn Mollath interessierte sich niemand – außer den o.g. Medien. Dabei muss man doch davon ausgehen, dass jemand, der aufgrund eines Wahns in der Psychiatrie einsitzt, dann freikommt, wenn sich der Wahn als faktisch nicht haltbar oder auch nur als wahrscheinlich unbegründet herausstellt. In dubio pro reo eben.

Lakotta schreibt zwar, bislang gebe es “keinen Beweis dafür, dass Petra Mollath als Angestellte der HypoVereinsbank in Schwarzgeldgeschäfte und Beihilfe zur Steuerhinterziehzung verstrickt war, wie ihr Mann behauptet”. Doch das ist offenbar nicht korrekt. So heißt es dazu z.B. im allerersten SZ-Artikel über den Fall Mollath [8]:

“Drei Monate später sollten sich nicht nur Mollaths Vorwürfe bestätigen. Unter dem Vermerk ‘vertraulich’ beschrieben interne Revisoren der Bank auf 15 Seiten detailliert ein Netzwerk innerhalb der Nürnberger HVB-Niederlassung, das offenbar über Jahre hinweg unsaubere Millionengeschäfte gemacht hat. Mollaths Anschuldigungen, so die Quintessenz des ‘Sonder-Revisionsberichtes Nr. 20546′, seien in Teilbereichen vielleicht etwas diffus, aber: ‘Alle nachprüfbaren Behauptungen haben sich als zutreffend herausgestellt.’”

SPON - in Personam Frau Lakotta – interessiert sich unterdessen besonders für die vermuteten Gewaltdelikte. Tatsächlich ist Lakotta, wie gesagt, nun in den Besitz eines ärztlichen Attestes gelangt, in dem Frau Mollath einen gewaltsamen Übergriff ihres Mannes auf sie dokumentieren ließ. Doch warum schreibt Frau Lakotta hier nicht das, worauf es eigtl. ankommt, nämlich dass Herr Mollath eben nicht wegen der Übergriffe auf seine Frau verurteilt wurde – und er daher als unschuldig zu gelten hat?

Ähnlich unseriös geht Lakotta vor im Zsh. mit den vermuteten Reifenstechereien von Herrn Mollath. Wörtlich liest man: “Am Silvestertag 2004 nimmt er das Recht selbst in die Hand, so stellt es später das Landgericht Nürnberg fest: Er beginnt, Reifen zu zerstechen.” Frau Lakotta benutzt hier den Indikativ, also muss ein gerichtliches Urteil vorliegen! Tut es auch, aber in diesem Urteil steht, dass Herr Mollath zum Zeitpunkt der Tat unzurechnungsfähig war. Und zwar unzurechnungsfähig aufgrund der von ihm angeblich wahnhaft erhobenen Vorwürfe von Schwarzgeldgeschäften von Banken. Das alles ist in der SZ online nachzulesen. Liest Frau Lakotta die Konkurrenz nicht einmal?

Man kann im “Fall Mollath”, der Züge einer Tragödie trägt, viele Zusammenhänge vermuten. Aber der letztliche Schluss von SPON, dass durch Intervention von Report Mainz und Süddeutscher Zeitung jetzt ein gemeingefährlicher Straftäter entlassen wird, mutet abstrus an.

Lakotta hätte besser daran getan, etwa herauszufinden, ob der Fall Mollath ähnlich gelagert ist wie die Steuerfahnder-Affäre in Hessen, über die die Frankfurter Rundschau im Sommer berichtete [9] und bei der Steuerfahnder, die Milliarden(!) an fraglichen Bilanzposten bei Großbanken gefunden hatten, mit fragwürdigen psychiatrischen Gutachten in den Zwangsruhestand geschickt wurden. Darüber liest man bei SPON kein Wort! Dabei waren die Ex-Fahnder nach eigener Aussage weggemobbt worden, weil sie gegen eine Verordnung opponiert hätten, die reiche Steuerflüchtlinge schone.

Im Übrigen ist es so: Die SZ hat mit keinem Wort jemals die bedingungslose Freilassung von Herrn Mollath gefordert. Es ging immer um eine Überprüfung seiner Einweisung in die geschlossene Psychiatrie und natürlich auch um die juristische und steuerrechtliche Verfolgung illegaler Schwarzgeldgeschäfte der damaligen HypoVereinsbank. Frau Lakotta schreibt also wider besseres Wissen: “… und eine große Tageszeitung trommelt beinahe täglich für seine Freilassung aus der Psychiatrie.” Seriöse Berichterstattung sieht irgendwie anders aus. Nicht zuletzt auch deshalb:

“Der SPIEGEL natürlich immer ganz an der Front bei der Aufklärung, allerdings mal in die eine, dann die andere Richtung. Wochenlang erschienen täglich Artikel auf SPON, die nur den Schluß zuließen, daß Mollath unschuldig in die Psychiatrie weggeschlossen wurde [10]. Und jetzt auf einmal wird das genaue Gegenteil suggeriert, und man tut so als stünde man über den Dingen, statt mitten drin zu sein. Vielleicht hätte man sich die Mühe dieser Recherchen etwas früher machen sollen?”
Kommentar 36 von “Hallo?” zum SPON-Artikel von Beate Lakotta “Fall Gustl Mollath: Warum der Justizskandal doch keiner ist” [1]


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[1] “Fall Gustl Mollath: Warum der Justizskandal doch keiner ist”: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-gustl-mollath-zweifel-an-opferrolle-a-872632.html#spCommentsBoxPager

[2] Auch der SPIEGEL gehört letztlich zu Bertelsmann: http://de.indymedia.org/2008/06/220177.shtml

[3] “Der Fall Mollath und das Schwarzgeld”: http://www.ardmediathek.de/das-erste/report-mainz/mollath-und-das-schwarzgeld?documentId=14826452

[4] Image: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/fall-gustl-mollath-zweifel-an-opferrolle-a-872632.html

[5] “Guantanamo-Anhörung: Richter erlaubt Zensur im 9/11-Verfahren”: http://www.spiegel.de/politik/ausland/11-september-2001-zensur-im-guantanamo-verfahren-a-872630.html

[6] SPIEGELblog berichtete schon mehrfach über diese Art der üblen Nachrede beim SPIEGEL: http://www.spiegelblog.net/?s=chalid

[7] die von der SZ beschriebenen Ungereimtheiten: http://www.sueddeutsche.de/bayern/fall-mollath-fakten-widersprechen-der-ministerin-1.1549168

[8] im allerersten SZ-Artikel über den Fall Mollath: http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/fall-mollath-und-hypo-vereinsbank-der-mann-der-zu-viel-wusste-1.1521550

[9] die Steuerfahnder-Affäre in Hessen, über die die Frankfurter Rundschau im Sommer berichtete: http://www.fr-online.de/rhein-main/keine-einigung-ueber-den-abschlussbericht-zur-steuerfahnder-affaere,1472796,16492348.html

[10] Wochenlang erschienen täglich Artikel auf SPON, die nur den Schluß zuließen, daß Mollath unschuldig in die Psychiatrie weggeschlossen wurde: http://www.spiegel.de/suche/index.html?suchbegriff=mollath

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