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Fälschungsvorwürfe gegen Doktorarbeit an der Charité: SPIEGEL redet vorschnell von „Fälschung“, schreibt die Unwahrheit – und beruft sich dabei erneut auf den industrienahen Forscher Alexander Lerchl

SPIEGEL 28/2011, S. 119; Foto: Jean Bernard/Bildagentur-Online/Tips-Images [1]
SPIEGEL 28/2011, S. 119; Foto: Jean Bernard/Bildagentur-Online/Tips-Images

Es ist schon bemerkenswert, wie unsauber der SPIEGEL immer wieder berichtet. Dies ist auch gut an dem kleinen Beitrag „Mobilfunk: Fälschung an der Charité“ zu erkennen, veröffentlicht in der aktuellen Print-Ausgabe auf S. 119 (siehe Screenshot). Thema: Eine Doktorarbeit an der Charité, die auf eine schädliche Wirkung von Handystrahlung hinweist, wurde möglicherweise manipuliert. Doch der Artikel hat zentrale Defizite:

Schon die Überschrift „Fälschung an der Charité“ faktisch nicht korrekt. Denn Beweise für eine Fälschung liegen ja noch gar nicht vor. Diese Überschrift ist umso prekärer, wenn man bedenkt, dass der SPIEGEL vor einiger Zeit schon einmal vorgeprescht ist und auf journalistisch unsaubere Weise Wiener Studien, die ebenfalls schädliche Wirkungen von Handystrahlen gefunden hatten, als gefälscht gebrandmarkt hat. Unsauber deswegen, weil auch in diesem Fall – entgegen den Behauptungen des SPIEGEL – keine Belege für eine Datenmanipulation vorlagen (SPIEGELblog berichtete [2]).

Die Behauptung des SPIEGEL, die DNA-Brüche, die beim Reflex-Forschungsprojekt gefunden wurden, seien noch nie reproduziert worden, ist falsch
Diese Wiener Studien sind Teil des so genannten „Reflex-Projekts, das 2004 abgeschlossen wurde“, wie der SPIEGEL ausführt. Dabei hatten Labore mehrerer europäischer Universitäten, finanziert mit EU-Mitteln, die Wirkung von Funkwellen auf Zellpräparate untersucht. „Merkwürdig nur“, so der SPIEGEL weiter, „dass die dabei gefundenen bedenklichen Strangbrüche nie von anderen Forschern reproduziert werden konnten.“ Doch das ist falsch. Tatsächlich sind etwa 2009 und 2010 Arbeiten von einem italienischen Forscherteam [3] und einer chinesischen Arbeitsgruppe [4] erschienen, die ebenfalls ein erbgutschädigendes und damit kanzerogenes Potenzial von Mobilfunkstrahlen fanden. Damit weisen sie in dieselbe Richtung wie die attackierten Studien aus Wien.

Auch gibt es bereits entsprechende In-vivo-Befunde von Studien an Labortieren. Z.B. setzte 2010 ein Forscherteam aus Indien junge Ratten 35 Tage lang zwei Stunden am Tag Mobilfunkstrahlung aus [5]. Danach war die Erbgut-Strangbruchrate in den Hirnzellen der Ratten im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöht.

Selbst Medien wie die Süddeutsche berufen sich auf Falschaussage des SPIEGEL
Unglücklicherweise findet sich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung [6] – also eines anderen großen deutschen „Vorzeigemediums“ – dieselbe Falschbehauptung, die auch in dem SPIEGEL-Beitrag zu finden ist: dass die Ergebnisse des Reflex-Projektes – die DNA-Strangbrüche – noch nie hätten von anderen Labors reproduziert werden können. Diese Falschbehauptung könnte die SZ einfach kritiklos vom SPIEGEL übernommen haben, beruft sich die Münchener Zeitung doch auch an einer Stelle explizit auf den Beitrag des Hamburger Nachrichtenmagazins.

Erschwerend kommt beim SZ-Artikel hinzu, dass darin auch noch behauptet wird, die jetzt von Lerchl angegriffene Doktorarbeit sei Teil des Reflex-Projektes. Doch auch das ist falsch. Dies ist für jemanden, der sich mit der Materie auskennt, eigtl. auch leicht zu erkennen. Denn die Doktorarbeit hat eine Frequenz von 2.450 MHz untersucht, während das Reflex-Projekt andere Frequenzbereiche analysierte.

SPIEGEL-Kronzeuge Prof. Lerchl wurde kürzlich sogar von der WHO ob seiner Interessenkonflikte abgewiesen
Pikant ist zudem, dass dem SPIEGEL erneut der Biologieprofessor Alexander Lerchl als Kronzeuge dient. Pikant deshalb, weil Lerchl einschneidende Interessenvermengungen aufweist. So kooperiert der Mobilfunkkonzern Vodafone eng mit seinem Arbeitgeber, der Jacobs University in Bremen. Zudem war die Forschungsgemeinschaft Funk Finanzier seines Wirkens – eine Organisation, bei der fünf der acht Vorstände Vertreter der Mobilfunkriesen T-Mobile, Vodafone, E-plus, Ericsson und Huawei sind. Ob seiner Interessenverflechtungen wurde Lerchl kürzlich sogar von der WHO-Arbeitsgruppe IARC (International Association on Research of Cancer), die Handystrahlung gerade erst als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft hat, abgewiesen. Moniert wurde etwa Lerchls intensive Tätigkeit für das Informationszentrum Mobilfunk (IZMF), eine Art Marketingzentrale der Mobilfunkbetreiber.

Erschwerend kommt hinzu, dass Lerchl selber mit dem Vorwurf konfrontiert wird, dass die Ergebnisse seiner eigenen Arbeiten im Rahmen des Deutschen Mobilfunk Forschungsprogramms DMF „nachweislich auf Fehlern bei der Planung, Manipulation bei der Durchführung sowie Fehldeutung der Befunde beruhen“ (siehe das Magazin Kompakt, Ausgabe 07/08/2011, S. 10 [7] der Organisation Diagnose-Funk).

Link zum Thema:

# Die Stellungnahme der Charité [8] vom 11. Juli 2011