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Gazprom schickt Ex-Kanzler Gerhard Schröder auf „Iran-Mission“ – doch vom SPIEGEL erfährt man darüber nichts

Helle Aufregugung um die Reise von Ex-Kanzler Gerhard Schröder in den Iran. „Von allen Seiten hatte er sich schon vor dem Besuch harsche Kritik anhören müssen“, wie auch SPIEGEL Online [1] gestern schreibt (siehe auch Screenshot). Grund: Schröder fügt dem Ansehen der Bundesregierung und der Bundesrepublik Deutschland schweren Schaden zu, [1]weil er mit Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad einen Politiker treffe, der den Holocaust leugne und als „Märchen“ bezeichnet habe.

Desinformation durch den SPIEGEL
Doch so groß die Aufregung um Schröders Treffen mit Ahmadinedschad, so  sehr hat es der SPIEGEL versäumt, über den eigentlichen hochbrisanten Grund für die Reise des Altkanzlers zu berichten. Wie nämlich auf der Website der russischen Nachrichtenagentur RIA Novosti schwarz auf weiß – und sogar auf Deutsch – heute zu lesen ist [2], hat der russische Energieriese „Gazprom Schröder auf Iran-Mission geschickt“. RIA Novosti beruft sich dabei auf einen Bericht der Tageszeitung Kommersant. Demnach werde Schröder, der als Freund des Iran gilt, versuchen, die Islamische Republik dazu zu bewegen, eine Teilnahme Irans an europäischen Gasprojekten abzulehnen und sich stattdessen dem South-Stream-Projekt [3], an dem Gazprom beteiligt ist, zuzuwenden. Schröder vertritt hier also knallharte Wirtschaftsinteressen eines mächtigen Konzerns, in dessen beruflichen Diensten er steht. Diese Information seinen Lesern vorzuenthalten, ist eine klare Unterschlagung, um nicht zu sagen Verfälschung von Tatsachen.

[4]

Schröder und Gazprom - "nachgelagerte Bestechung"? Quelle: www.udo-leuschner.de

Statt Kritik an Schröder zu üben, hofiert der SPIEGEL den Altkanzler und Gazprom-Angestellten lieber
Zumal SPIEGEL Online allen Ernstes schreibt, Gehard Schröder würde sich zu einem „privaten Besuch im Iran aufhalten“. Hierbei vertraut das Nachrichtenmagazin blind auf das, was von Gerhard Schröder selber bzw. auch vom Auswärtigen Amt kolportiert wird. Doch dass es sich bei Schröders Reise in den Iran nicht um einen Besuch privater Natur handelt, wird selbst dann offenbar, wenn man davon absieht, dass er im Iran für Gazprom auf Geschäftsreise ist.

So fragt sich die Redaktion des Tagesspiegel [5], der Schröders „Gazprom-Mission“ im Übrigen auch unerwähnt lässt, ob Schröders Treffen mit Ahmadinedschad wirklich „rein privater“ Natur sein kann. Wohl kaum, denn „allein die Tatsache, dass das Außenministerium in die Reise des Ex-Kanzlers eingebunden ist, zeigt, dass die Reise sehr wohl eine gehörige Portion politischen Charakters innehat – eine Woche Urlaub auf Sylt würde Schröder sicher nicht mit dem Auswärtigen Amt absprechen“, so die Berliner Tageszeitung.

Nun, in letzter Zeit hat der SPIEGEL Altkanzler Schröder geradezu hofiert. So durfte er in der Ausgabe vom 9. Februar in einem Essay den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr schön reden [6] – kurz nachdem er erst Ende Dezember ebenfalls in einem SPIEGEL-Essay eine Lobesarie auf Altkanzler Helmut Schmidt singen durfte (SPIEGELblog berichtete [7]). Hält man sich deshalb etwa beim Nachrichtenmagazin mit Kritik an Schröder stark zurück?

Der SPIEGEL hat Schröders Verhalten, bei dem es „gewaltig stinkt“, schon verdrängt
Fakt ist: Der SPIEGEL leidet hier offenbar unter einem Kurzzeitgedächtnis. Noch im April 2006 lesen wir bei SPIEGEL Online [8], dass das Ansehen von Ex-Kanzler Gerhard Schröder „zerbröselt“. Grund: Kurz vor dem Ende seiner Amtszeit hat die rot-grüne-Bundesregierung dem russischen Gazprom-Konzern noch schnell eine Milliarden-Bürgschaft gegeben – also einem Energieriesen, für den Schröder kurz nach dem Ende seiner Amtsperiode begonnen hat zu arbeiten. Dass Schröder von der Milliarden-Bürgschaft nichts gewusst haben soll, ist auch für den SPIEGEL kaum zu glauben. „Es stinkt gewaltig“, wie der SPIEGEL schreibt. Und ein Politiker, bei dem es „so gewaltig stinkt“, ist jetzt SPIEGEL-Essayist…

Wie sehr des Ex-Kanzlers verhalten „stinkt“, zeigt auch die harsche Kritik, die von vielen anderen Seiten kam [9]. Dabei wurde sogar der Vorwurf der „nachgelagerten Bestechung“ [4] laut. Andere sprachen von einem „zweifelhaften Job“ Schröders bei Gazprom. Gazprom sei immerhin ein Unternehmen, das „nicht gerade für bürgerliche Freiheitsrechte steht, sondern im Gegenteil – siehe den Fall Chodorkowski – auch davon profitiert, dass Leute inhaftiert werden und der russische Staat seinen starken Arm zeigt“, hieß es. Es gebe in Rußland viele Personen aus dem Medienbereich, die unter Gazprom zu leiden hätten. Zudem sei der Geschäftsführer des Pipeline-Konsortiums, Matthias Warnig, „ein Ex-Stasimajor, der zuvor zufälligerweise Wirtschaftsspionage im Bankenbereich betrieben hat und bei der Dresdner Bank tätig war“. Wie Ende Januar berichtet wurde, soll Warnig sogar einen Posten im Aufsichtsrat von Gazprom bekommen [10].