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Korruptionsverdacht bei Medizinnobelpreis-Auszeichnung ist für den SPIEGEL kein Thema

Die Staatsanwaltschaft untersucht Verbindungen zwischen einem Pharmakonzern Astra Zeneca und dem Nobelpreiskomitee. Hintergrund: Der britisch-schwedische Pharmakonzern sponsert die Nobelstiftung und profitiert von der diesjährigen Verleihung des Medizinnobelpreises an den deutschen Forscher Harald zur Hausen. So besitzt Astra-Zeneca Patente zur Herstellung von Impfstoffen gegen mehrere Varianten des Humanen Papillomaviruses (HPV), die als Auslöser für Gebärmutterhalskrebs gelten. Und ausgerechnet dem Heidelberger Krebsforscher Harald zur Hausen wird dieses Jahr der Medizinnobelpreis zuerkannt für die These, dass HPV Gebärmutterhalskrebs auslöst. Dadurch haben die zuletzt erneut stark in die Kritik geratenen HPV-Impfstoffe [1] eine enorme Aufmerksamkeit und einen kräftigen Verkaufsschub bekommen.

Von dieser pikanten Angelegenheit erfährt man bis dato vom SPIEGEL aber nichts. Statt dessen erfährt man auf SPIEGEL Online lediglich, dass die Impf-Befürworter den Kritikern der HPV-Impfung „Unseriösitäten vorwerfen“ [2]

Nun könnte man meinen, der SPIEGEL hält sich beim Thema Korruptionsverdacht zurück, weil erst ein Anfangsverdacht bestehen würde. Dies kann aber kein Kriterium sein, da zum einen der SPIEGEL selbst gerade auch bei Medizinthemen gerne aus Vermutungen Tatsachen-Schlagzeilen bastelt. Außerdem ist der Verdacht in diesem Fall äußerst pikant – so pikant, dass anderen Medien wie der taz [3], der Neuen Zürcher Zeitung [4] (NZZ) oder selbst dem Göttinger Tageblatt [5] der Korruptionsverdacht einen Artikel wert war.

Dies kann in Anbetracht der Schwere des Verdachts auch nicht verwundern. So ist es auch so, dass Astra Zeneca seit etwa einem halben Jahr Hauptsponsor der Stiftungs-Töchter Nobel Media (zuständig für Kontrolle und Vermarktung der Medienrechte der Nobelstiftung) und Nobel Webb (zuständig für den Betrieb der Website nobelprize.org) ist. Der Inhalt des Sponsoring-Vertrags ist geheim. „Der Pharmakonzern dürfte die zwei Firmen jedoch mit Millionenbeträgen unterstützen“, wie etwa die NZZ schreibt.

Hinzu kommt, dass nach Enthüllungen von Sverige Radio gleich mehrere Personen, die in die Vergabe des Nobelpreises für Medizin involviert sind, auf der Lohnliste von Astra Zeneca stehen. Dazu zählt Bo Angelin, die als Mitglied des Nobelpreiskomitees im Verwaltungsrat von Astra Zeneca sitzt. Und Bertil Friedholm, der Vorsitzende des Nobelkomitees am Karolinska Institutet, hatte 2006 zwei Beratungsaufträge für das Pharmaunternehmen wahrgenommen.

Zu guter letzt sei auch noch erwähnt, dass kurz vor dem Bekanntwerden des Korruptionsverdachts die Nobelstiftung schon wegen eines umstrittenen Sponsorabkommens mit dem US-Waffenproduzenten Honeywell [6] ins Zwielicht geraten war – worüber im SPIEGEL und bei SPIEGEL Online auch nichts zu lesen war…