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Schweden will mit Totalverbot von Quecksilber „starkes Signal“ senden – doch der SPIEGEL schaltet den Empfang erneut auf aus

In seinem Beitrag „Wie die Welt vergiftet wird“ [1] schreibt SPIEGEL Online im Oktober 2008, Umweltorganisationen würden „kritisieren, dass vor allem Schadstoffprobleme angesichts ihrer enormen Folgen in der öffentlichen Debatte oft übersehen werden“ – Kritik, von der der SPIEGEL selber nicht auszunehmen ist, insbesondere wenn es um Gefahrstoffe wie Quecksilber im hiesigen Land geht. So erfährt man zwar noch vom SPIEGEL, dass von der hochgiftigen Quecksilber-Amalgamierung, die in armen Ländern beim Goldabbau zum Einsatz kommt, bis zu 15 Millionen Minenarbeiter betroffen sind, darunter 4,5 Millionen Frauen und 600.000 Kinder“. [2]Doch wenn es etwa um die Gefahren von quecksilberhaltigen Amalgamplomben für Mensch und Umwelt in Industrieländern geht, erklärt der SPIEGEL sie für nichtig – oder er schweigt sich einfach aus.

So interessiert sich SPIEGEL Online auch nicht für die News, dass die schwedische Regierung heute ein Totalverbot für den Gebrauch von Quecksilber [3] beschlossen hat, das am 1. Juni in Kraft treten soll (siehe Screenshot). Grund: Die enormen Gefahren, die von dem Schwermetall, das als gifitgstes nicht-radioaktives Material überhaupt gilt und auch viel toxischer ist als Blei oder Arsen, ausgehen.

„Das Verbot bedeutet, dass der Gebrauch von Amalgamfüllungen [die zu rund 50 Prozent aus Quecksilber bestehen] nicht mehr gestattet sein wird und dass es nicht mehr möglich sein wird, quecksilberhaltige Produkte auf dem schwedischen Markt zu vertreiben“, so Umweltminister Andreas Carlgrenes wörtlich. „Schweden ist damit jetzt führend auf dem Weg, die Umwelt vor Quecksilber, das nicht abbaubar ist, zu schützen. Unser Verbot ist als starkes Signal zu verstehen für andere Länder und als Beitrag Schwedens zu den Bestrebungen der EU und der Vereinten Nationen, die Verwendung von Quecksilber sowie dessen Ausfluss in die Umwelt zu reduzieren.“

Wie der SPIEGEL fälschlicherweise „Entwarnung“ für quecksilberhaltiges Amalgam gab
Doch so „strong“ das Signal auch ist, das Schwedens Regierung hier aussendet – den SPIEGEL erreicht es nicht, denn wenn es um mögliche Gefahren von Quecksilber in Amalgamfüllungen geht, wiegelt das Nachrichtenmagazin traditionell ab. So kam SPIEGEL Online im Frühjar 2008 vollmundig mit der Schlagzeile „Entwarnung für Karies-Patienten“ [4] und behauptete im Vorspann des Beitrags, eine groß angelegte Studie über Amalgamplomben hätte angeblich „keinen Hinweis ergeben, dass die quecksilberhaltigen Füllungen gesundheitsschädlich sind“. Doch diese Meldung ist schlicht falsch.

Um dies zu erkennen, braucht man nicht einmal einen prüfenden Blick in die Studie zu werfen – es reicht schon, wenn man die dazugehörige Pressemeldung der Universität München liest, in der nicht nur die Überschrift nur aus folgender Frage besteht: „Amalgam – schädlich oder ungefährlich?“ [5] Auch wird im Lauftext der Pressemitteilung der Studienleiter, Professor Dieter Melchart, mit der Kernaussage zitiert: „Eine eindeutige Aussage, ob Amalgam gefährlich oder harmlos ist, können wir nicht machen“ – was beim besten Willen nicht als „Entwarnung für Karies-Patienten“ gewertet werden kann, so wie es der SPIEGEL seinen Lesern entgegenwarf.

Ist es nur schlechte Recherche beim SPIEGEL?
Dass bedeutende Medien wie der SPIEGEL (genau wie etwa die Süddeutsche Zeitung, die ebenfalls fälschlicherweise „Entwarnung in aller Munde“ [6] gab – was wiederum von Schmidt&Pocher kritiklos an 1,5 Millionen Zuschauer weitergetragen wurde) dennoch behaupteten, die Studie würde belegen, dass Amalgam letztlich ungefährlich sei, kann also fast nur Voreingenommenheit geschuldet sein. Nun, schlechte Recherche war es auf jeden Fall. Dies bestätigte auch Studienleiter Professor Dieter Melchart, der auf Nachfrage sagte: „Der Streit, ob Amalgam nun schädlich oder nicht schädlich ist, wurde in der Presse mit dem Tenor ‚allgemeine Entwarnung‘ verkürzt dargestellt.“

Der Umweltmediziner Dr. Joachim Mutter hat die Arbeit eingehend studiert und dazu auch einen Beitrag für die Fachzeitschrift Umwelt Medizin Gesellschaft verfasst hat (siehe Mutter_zur_Muenchener_Amalgamstudie_umg_3_2008 [7]), in dem er sogar zu dem Ergebnis kommt, dass „die groß angelegte ‚Münchener Amalgamstudie‘ eindrucksvoll die schädigenden Wirkungen von Zahnamalgam belegt. Die aus Zahnamalgam frei werdenden Quecksilbermengen reichen demnach aus, menschliche Zellen zu schädigen.“

Quecksilberbelastung auch in Industrieländern nach wie vor sehr hoch
Der SPIEGEL muss sich dieser Auffassung nicht bedingungslos anschließen, aber mehr Sensibilität für das Thema und genaue Recherchen kann man auf jeden Fall von einem Nachrichtenmagazin erwarten, dass von sich selbst sagt, es sei ein investigatives Medium und würde hart an den Fakten dran sein. Denn auch in Deutschland gibt es noch viele Amalgamträger – und Amalgam ist nicht nur nachgewiesenermaßen die Hauptquelle für die menschliche Quecksilberbelastung [8], sondern letztlich auch für die Belastung der Umwelt mit dem hochgiftigen Schwermetall.

So haben Analysen zufolge noch 50 bis 75 Prozent aller EU-Bürger Amalgam im Mund, was bis zu 2.000 Tonnen reinem Quecksilber entspricht. Durchschnittlich hat dabei jeder EU-Bürger mit Amalgam etwa 3 bis 4 g Quecksilber im Mund und zusätzlich amalgambedingte Quecksilberdepots im Körper. Die tödliche Dosis wird mit 0,3 bis 3 g angegeben. 2 bis 3 g Quecksilber entweichen aus europäischen Krematorien beim Verbrennen einer EU-Leiche. Dabei reichert sich Quecksilber in der Umwelt an, und dessen Gehalt hat sich in den vergangenen 300 Jahren mindestens verzwanzigfacht, in Fischen und manchen Organismen ist der Quecksilbergehalt womöglich um viele 100 Mal höher.

Und dass Mütter das Quecksilber aus ihren Amalgamfüllungen auf höchst bedenkliche Weise auf ihre Föten übertragen [9], wurde von Professor Gustav Drasch vom Institut für Rechtsmedizin der Universität München aufgezeigt.

FDA muss vor US-Gericht in Sachen Amalgam eine historische Niederlage einstecken – doch vom SPIEGEL erfährt man auch darüber nichts
Historisches ereignete sich im Sommer 2008, als die amerikanische „Amalgam-Lobby“ [10] vor einem US-Gericht eine empfindliche Niederlage einstecken musste. So waren US-Patientenschutzorganisationen, darunter Consumers for Dental Choice [11] und Moms Against Mercury [12], gegen die amerikanische Medikamentenzulassungsbehörde FDA vor Gericht gezogen. Vorwurf: Amalgam-Verharmlosung unter anderem infolge von Interessenvermengungen mit der Industrie. Und die Kläger trugen einen klaren Sieg davon. „Wir haben unseren zehnjährigen Kampf gegen die FDA gewonnen“, so Boyd Haley, Chemieprofessor und Amalgamforscher von der University of Kentucky [13] und zugleich Berater von Consumers for Dental Choice. „Weg, weg, weg sind alle Behauptungen der FDA, es gebe keine wissenschaftlichen Daten, die zeigen würden, dass Amalgam gefährlich sei. Jetzt muss die FDA endlich Amalgam klassifizieren, und zwar bis zum 28. Juli 2009.”

Charles Brown von Consumers for Dental Choice redet in diesem Zusammenhang gar davon, dass „the biggest change in the history of American dentistry is about to occur“ [14] und dass dies ein „Ende der Ära von Amalgamfüllungen“ bedeuten könnte.

Über diese Geschehnisse, die weit über die USA hinaus von Bedeutung sind und etwa für Fox News [15] eine Meldung wert war, hat man als SPIEGEL-Leser auch nichts erfahren. Viel wichtiger ist dem deutschen Nachrichtenmagazin hingegen die neue Staffel der RTL-Show Dschungelcamp, die vergangene Woche neu gestartet ist und über die SPIEGEL Online seither schon dreimal einen Beitrag gebracht hat. RTL und der SPIEGEL gehören beide zur Familie des Bertelsmann-Konzerns.