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SPIEGEL Online bestätigt selber mit der Veröffentlichung eines Interviews die Kritik von SPIEGELblog, dass die Bill Gates Stiftung eben nicht, wie das Nachrichtenmagazin seinen Lesern jahrelang weismachen wollte, „philantropisch“ unterwegs ist

„Bill Gates‘ Vermögen beruht nicht so sehr auf seiner Intelligenz oder seiner Genialität, sondern auf seinem rücksichtslosen Geschäftssinn, der ihm erlaubt hat, einen Markt zu monopolisieren und Steuervermeidung zu maximieren… Die Gates Stiftung arbeitet eng mit der Pharma-Industrie zusammen. Es sollte besser erforscht werden, wie viel privates und öffentliches Geld so in die Entwicklung von Medikamenten und Impfungen fließt, die dann privatisiert und gewinnbringend auf einem wettbewerbsverzerrten Markt verkauft werden… Dass die Stiftung keine Ethik- und Nachhaltigkeitsstandards in ihrer Investitionspolitik hat, ist unbegreiflich und falsch… Dazu kommt, dass ein großer Teil des Stiftungsvermögens auf Steuerbefreiung beruht… Die Stiftung  ist ein Mittel, um Macht und Einfluss auszuüben.“
David McCoy vom Center for Primary Care and Public Health der Queen Mary Universität in London in einem Interview der Journalistin Kathrin Hartmann [1] für das Wirtschaftsmagazin enorm [2] (Ausg. 3/2014), das SPIEGEL Online am 27. Juli 204 veröffentlichte [3].

dsdfsh; Foto: [3]

Seit Jahren moniert SPIEGELblog die marketingartige Berichterstattung des SPIEGEL über die Bill Gates Foundation; wie berechtigt diese Kritik war, hat SPIEGEL Online kürzlich durch das Interview mit der Headline „Die Gates-Stifftung ist ein Mittel, um Macht auszuüben“ bestätigt ; Foto: Getty Images

Wie oft hat SPIEGELblog nicht kritisiert, dass der SPIEGEL für den Pharma- und Monsanto-Lobbyisten Bill Gates und dessen Gates Foundation gewissermaßen als Journalismus getarntes Marketing betreibt, und dies über Jahre hinweg (siehe die SPIEGElblog-Beiträge darüber hier [4]). Dabei war sich der SPIEGEL auch nicht zu schade, Bill Gates persönlich als “Philanthrop” (Freund der Menschen) zu verklären.

Dessen Frau Melinda Gates preiste das Magazin sogar noch im Juni 2014 in einem mehrseitigen Interview als “Philantropin”, während die von ihr mitverwaltete Bill-Gates-Stiftung als Weltverbesserungsmaschine und „größte private Entwicklungshilfeorganisation“ glorifiziert wurde. Und schon die Überschrift des Interviews war Verherrlichung pur: “Es fühlt sich großartig an” (siehe SPIEGELblog-Bericht hier [5]).

„Das Vermögen der Gates Stiftung rührt auch aus Kapitalanlagen in Unternehmen wie Monsanto, Coca-Cola, McDonalds und Shell“
Und siehe da, wie uns gerade aufgefallen ist, hat SPIEGEL Online vergangenen Juli, also kurz nach unserer SPIEGELblog-Kritik an dem erwähnten SPIEGEL-Interview mit Melinda Gates, ein Interview der Journalistin Kathrin Hartmann [1] mit dem Londoner Medizinexperten David McCoy veröffentlich. Und in diesem Interview, das ursprünglich im Hamburger Wirtschaftsmagazin enorm abgedruckt wurde, bestätigt McCoy exakt das, was SPIEGELblog an der Berichterstattung des SPIEGEL über Bill Gates und seine Stiftung seit Jahren kritisiert.

So dient auch gemäß David McCoy die Gates Foundation eben keineswegs primär dazu, Gutes über die Menschheit zu bringen. Vielmehr sei sie in erster Linie ein Mittel, um Macht und Einfluss auszuüben, Steuern zu vermeiden und v.a. auch Großkonzernen, die nun wirklich nicht dafür stehen, das Gute auf diesem Planeten mit Verve voranzutreiben, zu unterstützen. Dazu zählen nicht nur z.B. die Pharmariesen Novartis, Glaxo-Smith-Kline, Sanofi und Merck. Auch ist es laut McCoy sogar so, dass „das Vermögen der Gates Stiftung auch aus Kapitalanlagen in Unternehmen wie Monsanto, Coca-Cola, McDonalds und Shell rührt“.

Die fehlende Kritik an der Gates Stiftung ist ein Ausdruck des Versagens von Medien wie dem SPIEGEL – bei dem u.U. auch „vorauseilender Gehorsam“ eine Rolle spielt
Auch kritisiert McCoy, dass „die Gates Foundation [zwar] mit 20 Millionen Euro privat-öffentliche Entwicklungspartnerschaften, zu denen Firmen wie BASF, Bayer und Syngenta gehören, unterstützt“, doch dies sei nur unter der „Voraussetzung [geschehen], dass die deutsche Regierung dafür weitere 20 Millionen Euro aus dem Topf der Entwicklungshilfe in diese Partnerschaften investiert“.

McCoy: „Partnerschaften sind im Prinzip gut. Aber viele ermöglichen und legitimieren den Zugriff von Unternehmen auf den öffentlichen Sektor. Nehmen wir den Einfluss multinationaler Konzerne innerhalb des Transatlantischen Handelsabkommens. Das sind weniger Verhandlungen zwischen den USA und der Europäischen Union als zwischen Interessensgruppen aus Industrie, Finanzsektor und der Allgemeinheit. Wir wollen nicht, dass Milliardäre, Banken und Konzerne die Politik bei Finanzmarktregulierung und Umweltgesetzen beeinflussen. Warum sollte das für Landwirtschafts- und Gesundheitsprogramme in Ordnung sein?“

Auf diese Frage von McCoy folgt dann die Frage der Interviewerin Kathrin Hartmann: „Dennoch gibt es im Gesundheitssektor wenig Kritik an dem Einfluss der Stiftung. Ist das vorauseilender Gehorsam, um an Fördermittel der Stiftung zu kommen?“

Zu dieser Frage können wir von SPIEGELblog nur konstatiern, dass es vor allem die fehlende Kritik von Medien wie dem SPIEGEL an der Gates Stiftung ist, die dazu führt, dass, wie McCoy kritisiert, „Milliardäre, Banken und Konzerne die Politik bei Finanzmarktregulierung und Umweltgesetzen“ und letztlich auch im Gesundheits- und Landwirtschaftsektor beeinflussen. Hier versagen SPIEGEL & Co. schlicht bei ihrer eigtl. ureigensten Aufgabe, vierte Macht im Staat zu sein, die die Machtcliquen kontrollieren und dabei hindern soll, Machmissbrauch zu betreiben. Ob bei diesem Medienversagen auch „vorauseilender Gehorsam“ mit hineinspielt, mag u.U. auch der Fall sein.

McCoy selber antwortet im Übrigen wie folgt auf die Frage von Hartmann, ob „vorauseilender Gehorsam“ bei der fehlenden Kritik an der Gates Foundation eine Rolle spielt:

„Geballtes Vermögen und Macht kaufen nicht nur Einfluss, sondern auch Zustimmung, Selbstzensur und Gruppendenken. Bevor ich anfing, zur Gates Foundation zu forschen, wurde ich gewarnt, dass das meiner Karriere schaden könnte. Aber nachdem meine Studie im Medizinjournal The Lancet veröffentlicht wurde, bestätigten viele, dass die Stiftung einen zu großen Einfluss hat und ein Klima schafft, in dem sich Gesundheitsexperten weigern, ihr zu widersprechen.“

Wir finden, dass das dem SPIEGEL mal eine Story wert sein sollte: Wie kann es sein, dass Wissenschaftler unter Druck gesetzt werden und Karriereschäden befürchten müssen, nur weil sie die Fakten zu Stiftungen wie der Gates Foundation zusammentragen wollen?