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Gespräch mit Helmut Schmidt und Peer Steinbrück: Der SPIEGEL verkommt zur PR-Zentrale – und leidet unter Amnesie

„Hier – der aktuelle SPIEGEL: ‚Er kann es‘. Was genau, weiß ich nicht – ich konnt’s nicht lesen, mir war schon schlecht vom Titelbild. Abgesehen davon, lieber SPIEGEL, da ist doch noch Luft nach oben in Sachen hündischer Ergebenheitsjournalismus, oder? Beim nächsten mal macht ihr das Ganze bitte mit [Playboy-mäßigem] Ausklappfoto [von Peer Steinbrück in Lederkluft], denn ein bisschen Sex hat auch im SPIEGEL mal Platz, finde ich.“
Oliver Welke, heute show, 28. Okt. 2011 [1] (Min. 29:27 – 29:47)

SPIEGEL-Titel 43/2011; Quelle: SPIEGEL Online [2]
SPIEGEL-Titel 43/2011; Quelle: SPIEGEL Online

Europa ringt mit der Schuldenkrise, die genau genommen eine Bankenkrise ist – und der SPIEGEL hat nix besseres zu tun, als Helmut Schmidt und Peer Steinbrück auf seinen Titel zu heben mit einer Botschaft von „Schmidt Schnauze“, die so klingt, als käme sie direkt aus der PR-Zentrale des Steinbrückbüros: Steinbrück kann Kanzlerkandidat (siehe auch Screenshot).

Der SPIEGEL blendet in seinem Titel aus, dass Steinbrück mitverantwortlich zeichnet für die derzeitige Megakrise
Ein solcher Titel ist aber völlig deplatziert, denn gerade Steinbrück war ja v.a. in seiner Zeit als Bundesfinanzminister von 2005 bis 2009 entscheidend mitbeteiligt an den Fehlentscheidungen der Politik – mit der Folge, dass die Banken das Geld hinterhergeworfen bekamen und somit europäische Staaten erst so richtig in die Schuldenkrise schlitterten. FTD-Kolumnist Thomas Fricke hat in seinem aktuellen Beitrag „Schluss mit der Bankermagie“ [3] treffend aufgezeigt, dass „der atemberaubende Schuldenanstieg [europäischer Staaten] seit 2007 eher die Folge eines Bankendesasters“ ist. Sprich, erst haben sich die Banken verzockt, dann bekamen sie das Geld von der Politik in den Rachen geschmissen – und dann schnellten die Staatsschulden ins Unermessliche.

Blog Tief im Süden: „Steinbrück war in all seinen politischen Ämtern wenig erfolgreich – immer nur den kühlen Klaren mimen reicht einfach nicht“
Wie wenig Steinbrück zum Kanzlerkandidaten taugt, beschreibt auch der Blog Tief im Süden [4] treffend:

„Steinbrück kann Kanzler – ist das wirklich so? Ich weiß nur, dass Steinbrück in all seinen politischen Ämtern wenig erfolgreich war, dass er ‚im Trend‘ Fehlentscheidungen getroffen hat, die jemand, der weiß wovon er redet, halt so nicht hätte treffen dürfen. Immer nur den kühlen Klaren mimen reicht einfach nicht. Erst befürwortet er die weitere Aushebelung aller Regulierungsmechanismen für die Spekulationsindustrie, um dann panisch Milliarden an Steuergeldern zur Rettung genau dieser Bagage in die gierigen Rachen zu schieben. Er wurschtelt in der Großen Koalition kritiklos mit und lässt sich als Krisenmanager feiern für Entscheidungen, die einzig eine zeitliche Verschiebung der Probleme bedeuten und nun potenziert ganze Volkswirtschaften kollabieren lassen.

Ganz nebenbei ist es Steinbrück in schöner Zusammenarbeit mit Müntefehring und Steinmeier gelungen, die SPD zu marginalisieren und auf Jahre unwählbar zu machen. Nun, vielleicht sind diese Jahre ja bereits vorbei und auf Amnesie des Kurzzeitgedächtnisses der Wähler können sich Parteien wohl ziemlich sicher verlassen. Ich will mich über Helmut Schmidt nun wirklich nicht despektierlich äußern, aber er ist ja nun schon über 90 Jahre alt und das Kurzzeitgedächtnis ist halt meistens als erstes betroffen…“

Und wovon Über-90-Jährige mitunter betroffen sind, darunter scheinen auch die Gestalter des aktuellen SPIEGEL-Covers zu leiden: unter Amnesie.

VWL-Professor Klaus-Peter Kisker: „Zu Helmut Schmidt als ‚großem Ökonomen‘ etwas zu sagen, fällt mir schwer. Ich weiß nicht, wie er zu diesem Ruf gekommen ist.
Im Übrigen stellt sich die Frage, ob Helmut Schmidt überhaupt berufen ist, in diesen ökonomisch so angespannten Zeiten als Gradmesser für fundierte Ansichten zu stehen. Wie etwa auf der Seite www.fzs.de [5] zu lesen ist, hat Klaus-Peter Kisker (Nationalökonom aus Berlin und für Jahrzehnte Mitglied der Partei von Helmut Schmidt) dazu folgendes geantwortet hat:

„Zu Helmut Schmidt als ‚großem Ökonomen‘ etwas zu sagen, fällt mir schwer. Ich weiß nicht, wie er zu diesem Ruf gekommen ist. Weder in seiner politisch aktiven Zeit noch anschließend in der ZEIT hat er irgendwelche relevanten theoretisch fundierten Aussagen zu wirtschaftspolitischen Themen gemacht. Ich weiß, dass er in Hamburg u.a. bei Karl Schiller Volkswirtschaftslehre studiert hat. Wie Schiller hat er lange einen Bastard-Keynsianismus vertreten, das heißt, Keynes als Steinbruch genutzt, die ihm passenden Stücke herausgebrochen, die schweren Brocken aber links liegen gelassen. In der alten Bundesrepublik hat er kurz vor seiner Abwahl mit dem Haushaltskonsolidierungsgesetz die neoliberale Wende eingeleitet, die dann durch Kohl nur weiter geführt wurde. Heute offenbart er sich als Neoliberaler.

In der ARD bei Beckmann (13.12.04) behauptete er, dass die Deutschen die meisten Feiertage hätten und die wenigsten Arbeitsstunden in der ganzen Welt leisteten. Sein Fazit, das muss sich ändern. In der ZEIT vom 22.05.03 greift er scharf die deutschen Gewerkschaftsführer und Lafontaine an, die sich von Marxisten zu Pseudokeynsianern gewandelt hätten und die verhindern, dass in Deutschland die notwendigen Anpassungen vorgenommen werden können. Mehr kann ich zu diesem theoretischen Vakuum auf die Schnelle nicht sagen.“

Interessante Links zum Thema:

# „Wenn 147 Konzerne die ganze Wirtschaft kontrollieren“ [6], tagesanzeiger.ch, 23. Okt. 2011

# Stefania Vital et al.: The network of global corporate control [7], ETH Zürich, 19. Sept. 2011

# sueddeutsche.de: Schmidt und Steinbrück – zu doof, das Schachbrett für das Foto für ihr Buch-Cover richtig hinzurücken [8]