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Der SPIEGEL liegt falsch, wenn er Pressestellen von Unis und Institutionen die Hauptschuld für haltlose sensationsheischende Medizin-Berichterstattung gibt – denn die Haupt- oder gar alleinige Schuld tragen autoritätshörige Journalisten

(Mit Dank an Georg)

döljasf ; Foto: DPA [1]

In seinem Beitrag „Pressestellen übertreiben häufiger als Journalisten“ macht SPIEGEL Online erneut den Kardinalfehler, der darin besteht, einer Quelle – in diesem Fall einer Studie aus dem British Medical Journal – blindlings zu vertrauen und deren Resultate ungeprüft an die Leserschaft weiter zu reichen; Foto: DPA

„Durchbruch im Kampf gegen Demenz geschafft!“ oder auch „Bahnbrechende Krebstherapie!“ – derlei Schlagzeilen kennen wir aus den Medien zur Genüge. Und in der Tat „wird in der Medizinberichterstattung regelmäßig übertrieben“, wie Holger Dambeck, Wissenschaftsredakteur bei [2] SPIEGEL Online, in seinem Artikel „Medizin-Berichterstattung: Pressestellen übertreiben häufiger als Journalisten“ [1] korrekterweise schreibt (siehe auch Screenshot links). Doch bei der Ergründung der Ursachen für dieses Phänomen liegt Dambeck schlicht falsch.

So beruft sich Dambeck auf eine im British Medical Journal abgedruckte Forschungsarbeit [3], derzufolge „ein Teil der Verantwortung für unseriöse Medizin-Berichterstattung“ nicht bei den Journalisten selber liege. „Das Hauptproblem“ seien vielmehr „Pressemitteilungen der Universitäten und Institute, in denen übertrieben werde oder wichtige Hinweise und Einschränkungen fehlten“. Doch das ist, mit Verlaub, schlichter Humbug.

Die primäre Aufgabe von Journalisten besteht ja darin, Quellen auf ihre Richtigkeit zu überprüfen – von daher KANN eine Pressemitteilung gar nicht die Hauptschuld daran tragen, dass Medizin-Berichterstattung haltlos übertrieben ist
Denn es ist ja gerade die Aufgabe von Journalisten, keiner(!) Quelle – und seien es auch Pressemitteilungen von anerkannten Universitäten oder sonstigen als seriös geltenden Institutionen – blindlings Glauben zu schenken, sondern alles und jedes auf seine Stichhaltigkeit und faktische Richtigkeit zu überprofen. Eben das kann man ganz besonders von SPIEGEL-Journalisten erwarten!

Folglich kann man gar nicht, wie es Dambeck unter Berufung auf den British-Medical-Journal-Artikel tut, einer Pressemitteilung die Hauptschuld für unseriöse Medizin-Berichterstattung anlasten, da es ja eben die primäre Aufgabe von Journalisten ist, derlei Quellen auf ihre Seriösität zu überprüfen. Wurde dies unterlassen, kann ohne Frage haltlos übertriebene Medizin-Berichterstattung dabei herauskommen – doch dann lag der Fehler ganz klar beim autoritätshörigen Journalisten, der es versäumt hat, eine kritische Überprüfung dieser Pressemitteilung vorzunehmen.

Und so hat Dambeck auch bei seinem jetzigen Artikel genau diesen Kardinalfehler gemacht: Er hat einer Quelle – in diesem Fall einer Studie aus dem British Medical Journal – blindlings geglaubt und die Resultate dieser Quelle ohne eine entsprechende kritische Überprüfung an seine Leserschaft weitergereicht.

Der SPIEGEL ist sich selbst für so abstruse Schlagzeilen wie „Erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Linkshänderinnen“ nicht zu schade
Kurzum: Auch den SPIEGEL-Journalisten fehlt es – wie schon so oft von SPIEGELblog kritisiert und dargelegt – einfach an kritischem Geist, wenn es um sensationsheischenden Input von Medizinprofessoren und anderen ach so vertrauenswürdigen Personen und Institutionen geht.

Nehmen wir nur mal die Schlagzeile, die SPIEGEL Online im Herbst 2005 brachte: „Erhöhtes Brustkrebsrisiko bei Linkshänderinnen“ [4]. Problematisch ist diese Aussage genau deshalb, weil sie etwas als Tatsache hinstellt, was letztlich Kaffeesatzleserei ist – wie der kritische Leser auch schnell feststellt. Doch nicht allen Lesern dürfte dies aufgefallen sein, da viele – völlig zu recht – davon ausgehen, dass SPIEGEL Online seine „Wächterfunktion“ wahrgenommen und in dieser Eigenschaft seine an die Leser weitergereichten Aussagen faktisch überprüft hat. Doch leider wurde dies auch in diesem Fall versäumt – und so wird mit der klaren Aussage in der Überschrift, wonach Linkshänderinnen ein erhöhtes Brustkresrisiko tragen sollen, eine Wissenschaftlichkeit suggeriert, die gar nicht existent ist. Dadurch werden viele Leser (und v.a. Linkshänderinnen und deren Anghörige) verunsichert, obgleich die Botschaft völlig haltlos ist.

Erschwerend kommt bei diesem Artikel hinzu, dass als Grund für das angeblich erhöhte Krebsrisiko von Linkshänderinnen angeführt wird, diese würden „vor der Geburt in der Gebärmutter stärker mit dem weiblichen Geschlechtshormon Östrogen in Berührung kommen“. Doch dass dieser Umstand das Krebsrisiko erhöht, ist wissenschaftlich keinesfalls belegt, sondern reine Vermutung. Und nicht zuletzt macht der SPIEGEL in diesem Beitrag natürliche Prozesse (dass man Linkshänder/in ist) für die Krebsentstehung verantwortlich, obwohl wissenschaftlich nicht belegt werden kann, dass uns Krebs in die Wiege gelegt ist. Vielmehr diktieren Lebensstil und Lebensumstände die Krebsentstehung (siehe dazu z.B. mein Buch „Die Zukunft der Krebsmedizin“ [5]).

Artikel zum Thema:

# Torsten Engelbrecht: „Der Brustkrebs, die Hoffnung und die Gier. Spätestens seitdem sich Angelina Jolie vorbeugend ihre beiden gesunden Brüste hat amputieren lassen, fürchten viele Frauen die Macht der Gene. Doch mit der ist es tatsächlich nicht so weit her, sobald man genauer hinschaut“ [6], Wochenzeitung, 10. Juli 2014